Das Planetenfunkgerät für Au Pairs

Allerspätestens nach einem Monat war ich offiziell ein anerkanntes Familienmitglied. Ich war die große Schwester – manchmal gemein, meistens lieb und immer die beste Ansprechpartnerin wenn es darum ging, die Knete aus den Couchritzen zu holen oder Spielautos aus der Toilette zu fischen. Ich war da, wenn die Kinder morgens gähnend am Frühstückstisch saßen, ich war da, wenn sie wieder aus Schule oder Kindergarten zurückkehrten. Ich war diejenige, die stöhnend einen Kinderwagen inklusive drei Kindern, Snacks, Getränken, Regenjacken und Sommerklamotten den weiten Weg bis zum Spielplatz schob. Ich war anwesend bei jeder Geburtstagsfeier, bei Familienfeiern und Spieleabenden. Ich lag mit den Kindern auf der Couch wenn sie krank waren und ich habe unendliche Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen. Der kleine Prinz hatte inzwischen nicht nur krabbeln, sondern auch laufen gelernt. Sein erstes Wort habe ich auch noch mitbekommen: „Banana“ (Banane), welches er ganz gerne und häufig in die Länge zog. Wir schrieben daraufhin den „Opus“-Song „Life is Life“ neu (er wäre sicherlich ein Riesenerfolg in Grundschulen und Krabbelgruppen geworden). Während ich laut „Life is Life“ sang, fügte der kleine Prinz ohne zu zögern „Banananana“ hinzu. Zusammenfassend: Ich war „wie die Mama – nur eben mit dunklen Haaren“.

Das einzige, was weder ich noch die Kinder wirklich bedachten: Die Zeit. Wir alle dachten nicht wirklich an den großen Abschied, der schon bald anstehen würde, auch wenn meine Gasteltern das Thema langsam aber sicher ansprachen. Sätze wie „Na und … dann spielen wir eben nächste Woche!“ oder „Wie oft müssen wir schlafen bis du wieder da ist?“ machten die Abschiedsphase nicht gerade leichter. Immer wieder versuchte ich den Kindern schonend beizubringen, dass ich nicht so schnell wieder zurückkommen würde.

Und dann kam der Tag an dem Albert Einstein die entscheidende These aufstellte: Ein Au Pair stammt einfach nicht vom selben Planeten. Das wäre der einzige denkbare Grund, wieso ich nicht so schnell wiederkommen könnte, denn ein Flugzeug von Deutschland nach Irland bräuchte ja nicht länger als zwei Stunden. Mit vielen umständlichen Erklärungen versuchte ich ihm klarzumachen, dass Deutschland auf demselben Planeten liegt wie Irland, doch ich konnte Albert Einstein nicht überzeugen. Sein Plan stand fest: Er musste einen Weg finden um in Kontakt bleiben zu können. Eine kluge Erfindung musste her, genauso wie es der richtige Albert Einstein getan hätte. Im Weltraum funktionieren schließlich weder Handy noch Internet. Während er also in den nächsten Tagen versuchte, das ultimative Planetenfunkgerät aus Lego zu bauen, nutzte ich die letzten beiden Wochenenden für Abschiedspartys mit meinen gewonnen Freunden – Au Pairs, Einheimische, Zugezogene. Alle waren wunderbar und ich bin dankbar für jede einzelne Person, die ich kennenlernen durfte. Die letzten Wochen in Irland fühlten sich genauso an, wie die letzten Wochen bevor ich Deutschland verlassen hatte. Und ich muss zugeben, dass ich noch nicht bereit war zurückzufliegen. Ich hatte mich so an die Menschen und die Sprache gewöhnt, ich hatte angefangen auf Englisch zu träumen und zu denken – ich wusste in welchem Café oder Pub ich meine Freunde antreffen würde. Ich wusste, wo die besten Einkaufsstraßen, Museen und Kinos waren oder wo der schönste Strand zu finden ist und hatte mich schlussendlich damit abgefunden, dass ein Regenschirm in Irland einfach keinen Sinn macht, da der Regen nicht von oben kommt. Ich hatte mir angewöhnt unendlich viel Knoblauch zu essen, das restliche Essen aber nicht zu würzen. Ich hatte gelernt öffentliche Verkehrsmittel effektiv zu nutzen, günstig zu reisen, die besten Hostels und Hotels zu finden. Ich habe meine Liebe zum Reisen, zu unterschiedlichen Kulturen aber vor allen Dingen zur englischen Sprache entdeckt – was mich zu meinem jetzigen Englisch-Studium beflügelt hat.

Eine Sache habe ich allerdings nicht gelernt und möchte ich auch gar nicht lernen – nämlich „Tschüss“ zu sagen. Dass Albert Einstein es nicht geschafft hat das Planetenfunkgerät zu bauen macht also gar nichts, denn in genau zwei Wochen sitze ich im Ufo nach Irland – genau, um nochmals als Sommer-Au Pair ganz neue Erfahrungen zu sammeln, in einer neuen „Stadt“ (Dorf) und mit einer neuen Gastfamilie. Allerdings, nur 10 Kilometer von Albert Einstein, Mary Poppins und dem kleinen Prinzen entfernt.

Tatsächlich gibt es dann ein HAPPY END.

Genau: “Life is Life …. Banananana!”

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Über mein Praktikum „Mami im Fachbereich Leben“

In einem weit entfernten Königreich lebten drei kleine Kinder – Albert Einstein, Mary Poppins und Der kleine Prinz. Herr Einstein, ein agiler Junge von 5 Jahren, verstand sich nicht nur äußerst gut im Bau von gigantischen Legostädten, sondern hatte auch das Talent seine Eisenbahngleise so zu verlegen, dass meine Füße mehreren Krankenhausbesuchen nur knapp entgingen. Er war ein wirklich schlauer junger Mann. Zugegeben, vor meinem Au Pair Aufenthalt dachte ich tatsächlich, dass meine grauen Zellen wohl nicht ganz so stark gefördert werden würden – schließlich verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit mit Kindern unter 5 Jahren. Albert Einstein belehrte mich definitiv eines Besseren. Eine Frage wie „Wo lagert die Zahnfee eigentlich die ganzen Kinderzähne ein?“ endete in einer Diskussion über umweltbewusste Mülltrennung. Schließlich verwesen Zähne ja nicht, so Einstein, deshalb könnte es ja sein, dass der Planet irgendwann aus Milchzähnen besteht und nicht aus Atommüll. Im Ernst, an dieser Stelle möchte ich dem Erfinder von Wikipedia meinen außerordentlichen Dank aussprechen. Wieso ich diesen wunderbaren jungen Mann im weiteren Verlauf Albert Einstein nenne, dürfte somit geklärt sein.

Mary Poppins war die wunderhübsche, kleine Prinzessin von 3 Jahren, die ich nach dem gleichnamigen Film von 1964 benannt habe, den wir ungefähr 1450 Mal zusammen anschauten. Miss Poppins Begabungen waren doch eher femininer Natur – von der täglichen Auswahl des richtigen Ballkleides (ob es nun das gelbe Gewandt aus „Die Schöne und das Biest“ wurde oder das blaue Kleid von „Cinderella“ hing wohl hauptsächlich von der Stimmung ab) bis hin zur täglichen Tanz- und Singeinlage. Ihr gesamtes Leben basierte zu diesem Zeitpunkt auf einer Mischung aus Walt Disney und Feenstaub (welcher sich übrigens auch mit dem Staubsauger extrem schlecht von einem neuen Sofa entfernen lässt). Wenn nicht ihre imaginären Freunde als die „Bösen“ im Spiel hinhalten mussten, durfte ich gerne einspringen und den „verzauberten Drachen“ oder das „Biest“ spielen. Angemalt mit (zumeist) wasserlöslichen Fingerfarben sprang ich also wild durch das Haus und brauchte mir selbstverständlich keine Sorgen über die – in meiner Hinsicht – ungerechte Rollenverteilung machen. Mary Poppins klärte mich nämlich darüber auf, dass auch wenn ich einen bösen, gemeinen und obendrein hässlichen Charakter spiele, sich dieser in ihrem Spiel zum Schluss IMMER in einen wunderschönen und netten Prinzen verwandelt. Wie gerne hätte ich einmal eine Frauenrolle übernommen – leider passte das nicht zu mir, so Mary Poppins. Schade.

Junggeselle Nummer drei, welchen ich einfach nur den kleinen Prinz nenne, war gerade einmal ein Jahr alt geworden. Eine seiner Leidenschaften war das ungezwungene Lächeln, gepaart mit einem heftigen Kicheranfall, falls begründet. Seine Hobbys waren hauptsächlich das Ausräumen der Plastikdosen aus den unteren Küchenschränken und das eintönige, dennoch irgendwie rhythmische Schlagen eines Kochlöffels gegen die Spülmaschine. Weiterhin liebte er es, der Waschmaschine bei der Arbeit zuzuschauen – es drehte und drehte und drehte sich. Der kleine Prinz, mit seinem charmanten Lächeln und seinen charismatischen blauen Augen liebt des Weiteren lange Spaziergänge am Strand, um diesen Absatz so kontaktanzeigenmäßig abzuschließen, wie ich ihn auch begonnen habe.

Leben teilen, Neues lernen

Da waren nun drei kleine Kinder um die ich mich täglich kümmerte und mit denen ich Freud und Leid teilte, viele Umarmungen und Küsse, aber auch schlaflose Nächte. Das Haus meiner Gastfamilie war recht klein und deshalb war es unmöglich, einfach dem Familienleben zu entfliehen. Selbstverständlich – was ich sehr positiv anrechne – wollten mich die Kinder nicht nur während meiner Arbeitszeit ganz für sich haben. Ich denke, dass das irgendwie für mich spricht, oder? Speziell der kleine Prinz krabbelte morgens an mein Bett und starrte mich so lange an, bis ich mich im Schlaf beobachtet fühlte. Falls das nicht klappte, hatte er schnell Plan B parat und zog an meinen Haaren oder klopfte gegen das Nachtschränkchen. Schließlich bekam er ohne mich kein Frühstück. Obwohl er in den wenigsten Fällen seinen Mund traf, wollte der kleine Prinz am liebsten alles selbst machen – essen und trinken, auch Skateboard fahren und mein Handy in die Badewanne werfen.

Mary Poppins, Albert Einstein, der kleine Prinz und ich verbrachten viele wundervolle Stunden auf dem Spielplatz, in der Eisdiele, im Aquarium, am Strand, im Park, im Garten, in der Badewanne und im Spielzimmer. Natürlich war es nicht immer leicht mit drei kleinen Kindern, doch habe ich wirklich viel gelernt und hatte viel Spass.

Im Nachhinein sehe ich das Ganze schon fast gar nicht mehr als Au Pair Aufenthalt – schließlich ist das ganze keine Arbeitsstelle in dem Sinne – sondern würde es als Praktikum „Mami im Fachbereich Leben“ bezeichnen. Nicht nur sprachlich habe ich viel gelernt, sondern auch persönlich.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. (Mary Poppins hätte für heute kein anderes Ende akzeptiert.)