Tutte le direzioni oder Susi & Strolch’s Abenteuer (Teil 6)

Es gab einen Tag während meiner Zeit in Italien an dem ich – ja es ist wahr – entsetzlich enttäuscht war. Nach einem erfolgreichen und selbstbewussten Fahrkartenkauf auf Italienisch („Un biglietto per Verona, per favore!“ – wie schön das klingt) und einer unterhaltsamen Zugfahrt von Desenzano nach Verona stand ich dort am Bahngleis und fragte mich wie immer zuerst eins: Verdammt, wo geht’s jetzt eigentlich lang?

Dazu eine kleine Anmerkung: Ich habe leider keinen Orientierungssinn! Und wenn ich doch einen besitze, dann reicht er allerhöchstens vom Wohnzimmer ins Badezimmer. Genau heute vor 2 Jahren lernte ich also Marburg auf eine ganz andere Art und Weise kennen – durch die OE (Orientierungseinheit) für alle neuen Studenten. Ich lernte, dass es in Marburg Trinkwasserbrunnen gibt und durchlief Gassen und Gänge der Oberstadt von denen ich gar nicht wusste, dass sie existierten. Ich besuchte mindestens 3 Kneipen in denen ich noch nie zuvor war. Und das als Marburgerin. Eine Schande. Zurück nach Verona.

Mittlerweile war auch meine Reisebegleiterin für den Tag angekommen. Eine Amerikanerin, die auf großer Europareise war und ebenfalls einen Aufenthalt in Italien einplante. Wir beschlossen einfach mal dem Strom zu folgen. Und genau das ist es, was uns an diesem Tag enttäuschte. Wir folgten den Touristenströmen zur Arena von Verona – hier dachten wir uns nur „mamma mia“ als wir die Eintrittspreise sahen aber reihten uns in die Schlange ein. Schließlich kletterten wir im allgemeinen Gedrängel die Stufen der Arena hinauf um die wunderschöne Aussicht zu genießen die hinter vier riesigen Kränen und dem Baulärm sicher recht lohnenswert gewesen wäre. Weiter ging es vom Torre dei Lamberti zur San Zeno Maggiore und über den Piazza Erbe zur Kathedrale und wiederum weiter zu anderen Sehenswürdigkeiten, die nur nach Bezahlung ungeheurer Geldsummen zugänglich waren. So hetzten wir schwitzend von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, ob sehenswert oder nicht und füllten regelmäßig unsere Wasserflaschen an den urigen Trinkwasserbrunnen auf die überall in der Stadt zu finden waren und von denen ich so begeistert war, denn solche gibt es ja NICHT in Marburg, wie ich immer wieder betonte. Und dann passierte es: Ich sah DAS Schild. Zum Casa di Giulietta. Julia’s Haus. (Genau, Shakespeare’s Julia). Es grenzt schon an Naivität hier einen wunderschönen, nostalgischen kleinen Innenhof zu erwarten, der von diesem kleinen und berühmten Balkon überblickt wird. Wildblumen, die sich ihren Weg durch das alte Gemäuer bahnen. Ruhe und Melancholie. Das erste was ich aber beim Betreten dieses kleinen „Paradises“ (ab)bekam, war der Ellbogen eines Mannes, der gerade im richtigen Winkel ein Foto von seiner Liebsten machen wollte. Etwas naiv wie ich bin und gelegentlich noch blickend durch den Disney-Tunnelblick, erbot sich mir ein Bild des Grauens. Souvenirshop an Souvenirshop, romantisch dreinblickende Damen die vor Julia’s Balkon posierten oder schelmisch-grinsende Männer, die Julia’s Statue „begrabschten“ (Es soll ja Glück bringen!). Die Wände übersäht mit kleinen Papierzetteln, Graffiti und vor allen Dingen Kaugummis. Nur fünf Minuten hielten wir es aus, von denen wir vier Minuten Kameras asiatischer Mitmenschen bedienen durften um von ihnen Fotos zu schießen. Arrivederci, Julia.

Enttäuscht gingen wir weiter. Wir lösten uns von den Touristen und bogen in eine Querstraße ein. Dann in die nächste. Dann in die nächste. Und so schnell hatten wir uns in den kleinen Seitengassen verirrt. Unsere Geldbeutel waren fast leer – doch hatten wir Hunger. Also beschlossen wir einfach weiterzugehen bis wir etwas Essbares finden konnten. Nur wenige Minuten später sahen wir ein kleines Schild welches zu einem Restaurant führen sollte. Wir betraten einen Hinterhof – ein plätschernder Brunnen, Efeu, bunte Blumen, kleine Holztische mit typisch rot-weiß karierten Tischdecken, gedeckt mit Weingläsern und Silberbesteck erwarteten uns. Ob Romeo und Julia hier ihr erstes Date hatten? Vielleicht. Es waren nur wenige andere Menschen da und wir suchten uns einen schönen Tisch neben dem Brunnen aus. Irgendwie heißen in Italien alle Giovanni, so auch der nette Herr der uns unsere Spaghetti Bolognese servierte. Wir verbrachten einen lustigen Abend mit italienischem Wein und Geigenmusik (und peinlichen Versuchen unser Italienisch zu perfektionieren). Wenn meine amerikanische Freundin ein amerikanischer Freund gewesen sei, hätte unser Abendessen auch die reale Version von Susi & Strolch sein können – ohne Flöhe allerdings. Wir lachten viel und hatten Spass – und das außerhalb der üblichen Touristenattraktionen, ganz unerwartet. Ganz auf Abwegen. Und das ist auch die Poente dieser Geschichte und das was ich aus Italien mitgenommen habe: Man kann seine eigenen Richtungen bestimmen und man sollte alle Wege ausprobieren. Auch die kleinen Seitenstraßen. Eben tutte le direzioni – ihr habt es erraten: Das sind meine Lieblingsworte auf Italienisch.

Und Walt Disney siegt über Shakespeare.

HAPPY END

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Ich mag [eigentlich] jeden! (Teil 5)

Dieses „eigentlich“ begrenzt das ganze leider, wenn es darum geht neue Freunde zu finden. Nach wem schaut man sich um wenn man nach neuen Freunden sucht – neuen Wegbegleitern für einen kurzen oder langen Zeitraum seines Lebens? Vielleicht nach Menschen, die ähnliche Interessen haben, die die gleichen Ansichten teilen und die einem eben irgendwie sympathisch sind. Und jetzt komme ich wieder mit meinen Disney-Filmen: Ich dachte immer, ich wäre so ein bisschen wie Pocahontas oder die weibliche Version von Tarzan – einfach offen für Neues und jedermann. Lianenschwingend von Land zu Land und interessiert an diesen neuen „Fremden“ – … egal wie sie aussehen, wo sie herkommen und welche Ansichten zum Leben sie haben. Grundsätzlich ist das auch richtig, doch was passiert wenn das Leben einen eines Abends auf einen kleinen italienischen Sportplatz führt, auf dem man Menschen trifft, die so anders aussehen und so anders sind, als die meisten Menschen, mit denen ich sonst meine Zeit verbringe.

Durch eine Freundin meiner Gastmutter lernte ich einige der Straßenkünstler aus den Straßen Desenzanos kennen. Fast alle waren von Armen bis Beinen tätowiert und hatten ungefähr 10 Piercings (pro Körperteil). Bekleidet waren die meisten mit weiten Hippi-Hosen und bunten Tops. Irgendwie „unnormal“ in meiner Welt. Oder? Sie jonglierten Bälle, Messer und Fackeln oder trainierten sonstige Straßenkunststücke. Als ich über den mit Flutlicht beleuchteten Sportplatz schaute, wurde mir klar, dass ich die einzige war, die hier irgendwie „unnormal“ aussah. Ich schaute an mir runter: Ich bereute dass ich mich am Morgen für das Sommerkleid und die geblümten Ballerinas entschieden hatte. Wieso hatte ich nicht die wasserlöslichen Spiderman-Tattoos mitgenommen, die ich von den Kindern meiner letzten Gastfamilie geschenkt bekommen hatte? Irgendwie war mein erster Gedanke: Oh man… hier passe ich irgendwie nicht rein. Doch nach wenigen Minuten bot mir einer der Jonglage-Künstler an, mir beizubringen wie man jongliert. Nach nur einer halben Stunde, war es dann alles normal. Ich lernte wunderbare Menschen, mit wunderbaren Ansichten zum Leben – nicht ganz so abgedroschen und langweilig wie ich sie kannte.

Ab diesem Tag verbrachte ich den ein oder anderen Tag in den Straßen Desenzanos und beobachtete Menschen, die andere Menschen zum Lachen brachten – und obwohl sie des öfteren mit spöttischen Blicken angestarrt wurden wegen ihres Aussehens und zu der Kategorie „Mensch“ zugeteilt wurden, von der man „lieber Abstand hält“ wusste ich, dass sie wunderbare Menschen waren.

Und nur durch diese Menschen konnte ich hinter eines der Erlebnisse auf meiner Italien-„To-Do-Liste“ endlich einen Haken machen: Auf einer Vespa durch die Straßen Italiens fahren. Danke.

Vielleicht hätte ich vorher noch einmal Pocahontas schauen sollen, dann hätte sie mich daran erinnert:

„Für dich sind echte Menschen nur die Menschen,
die so denken und so aussehen wie du.
Doch folge nur den Spuren eines Fremden,
dann verstehst du, und du lernst noch was dazu.“ (Das Farbenspiel des Winds)

Ich mag jeden. Und ich habe jonglieren gelernt.

 

Ciao! I would like to order gelato, per favore! (Teil 4)

Es war einmal an einem Samstagnachmittag in Venedig. Zwei abenteuerlustige junge Frauen stürzen sich ins Abenteuer Italien. Doch der Umsetzung der waghalsigsten Pläne kam – wie immer – etwas in die Quere: das Eiscafè. „Weißt du wie man Eis auf Italienisch bestellt?“, fragte mich meine neugewonnene amerikanische Au Pair-Freundin. „Ja, zum Glück habe ich das mittlerweile gelernt“, antwortete ich stolz und hielt nach dem Service in der Gelateria Ausschau. Mittlerweile hätte ich „Eis essen“ ohne Probleme auf einem sozialen Netzwerk unter Hobbys eintragen können – gleich neben „Pasta essen“ und „Kaffee trinken“. Anscheinend war ich schon innerhalb weniger Wochen zu einer Pseudo-Italienerin mutiert.

Dem italienischen Essen eilt definitiv der Ruf voraus. Pasta, Pizza, Eiscreme, frisches Obst, Weißbrot und Olivenöl. All das stand regelmäßig auf meiner Speisekarte. Ich war ja ganz froh dass andere Gemüsesorten den Rosenkohl und das Sauerkraut ersetzten (ok, ich tue gerade so als ob ich das ständig essen müsste) und als großer Fan von Pasta, liebte ich sämtliche Nudelgerichte, die mir in Italien vor die Nase gesetzt wurden. Und ich habe wieder viele Dinge über mich gelernt:

1) Ich bin ein Espressoholiker!

Es ist halb 11, abends. „Möchtest du noch einen Kaffee?“ Ich schätze es gibt einige die nun dankend verneinen würden, wenn sie daran denken, dass es ja bald ins Bett geht. Als Kaffeeliebhaberin und als Mensch der keine Probleme mit dem Einschlafen nach Kaffeekonsum hat, verbrachte ich viele Abende mit dem Kochen bzw. Trinken von Kaffee. Aber nicht irgendein nullachtfünfzehn Kaffee aus der stinknormalen Kaffeemaschine. Zubereitet in einer Moka (kleine, irgendwie altmodische Espressomaschine) schlürfte ich jeden Abend den stärksten Espresso der Welt, denn in Italien heißt es Kaffee = Espresso. Seither bin ich ein Espresso-Fan.

2) Ich bin ein Herbivore!

Ich weiß es macht keinen Sinn, aber in meinem nächsten Leben möchte ich ein Dinosaurier sein (oder ein Schmetterling). Allerdings, sollte ich als Dinosaurier wiedergeboren werden, dann ganz sicher als einer der Herbivoren. Jeder der mich kennt weiß, dass ich kein großer „Fleischfresser“ bin. Allerdings ist es in Italien relativ normal auch Pferde aufzuessen, deswegen würde ich mein einziges „negatives“ Erlebnis so beschreiben: Ich hätte fast ein Stückchen Pferd gegessen. (In meiner Kindheit habe ich ungefähr 300 Wendy-Hefte gelesen und genügend Reitstunden genommen um das zu begründen – und ja ich weiß, Tier ist Tier).

3) Ich liebe Pizza Margherita!

Während ich in Deutschland niemals eine Pizza Margherita bei einem Lieferservice bestellen würde (weil es einfach zu viele andere Pizzen gibt, die kreativer belegt sind), schwöre ich in Italien auf eine schlichte und einfache Pizza Margherita! Probieren lohnt sich! Der Käse dort ist irgendwie… käsiger.

4) Ich bin ein Gelatofetischist!

Ich habe es ja nun schon erwähnt und auch mein ganzes Reisetagebuch „Buongiorno, Gelatoland!“ benannt. Ja, ich bekenne mich dazu: Ich liebe Eiscreme. Aber mal ehrlich? Wer könnte schon an Eisdielen, die mit überlebensgroßen Plastik-Eiswaffeln vor der Türe werben und deren Eiscremesorten wunderschöne italienische Namen (eigentlich sind es ja normale Wörter) tragen, vorbeigehen ohne sich einmal richtig zu belohnen.

Apropos Eiscreme. Zurück nach Venedig. Gerade kam der italienische Eisverkäufer an unseren Tisch. Ganz selbstbewusst grüßte ich und bestellte zwei Eisbecher auf Italienisch. Jetzt kommt allerdings der Haken den so ein Grundsprachschatz mit sich bringt: Der Herr Italiener geht natürlich nach meiner Glanzparade einer Bestellung auch davon aus, dass ich den Rest verstehe. Er plappert also weiter fröhlich auf Italienisch und fragt noch etwas bezüglich meiner Bestellung. Mein ratloser Blick verrät ihm dann aber schließlich: Tourist! Also ein kleiner Tipp am Rande: Eine Mischung aus Englisch und Italienisch befriedigt den eigenen Lernerfolg aber lässt einen nicht wie ein Trottel dastehen: „Ciao! I would like to order gelato per favore!“

Ein Leibchen für Sherlock Holmes (Teil 3)

Das Familienleben gestaltete sich als sehr abwechslungsreich und harmonisch. In den ersten Tagen lernte ich nicht nur Zwilling A von Zwilling B (ab sofort „Plitsch“ und „Platsch“ genannt, aufgrund der unverwechselbaren Plitsch-und-Platsch-Geräusche wenn sie über den Fließenboden rasten bzw. krabbelten) zu unterscheiden, sondern auch meine Löffel-ins-Glas-und-dann-zum-Mund-Geschwindigkeit beim Füttern zu verdreifachen. Anfangs mag es nicht so aussehen als ob 7 Monate alte Babys Forderungen stellen können – doch wenn es um den nächsten Löffel Babybrei ging, machten Plitsch und Platsch klare Ansagen. Kurz vor meiner Ankunft hatten die Zwillinge herausgefunden, dass man Arme und Beine als Fortbewegungsmittel nutzen kann und so verbrachte ich viel Zeit damit, die kleinen Ausreißer einzufangen oder sie zu trösten wenn ein Arm mal nicht die gewünschte Bewegung ausgeführt hatte und die Nase auf den Boden „platschte“. Das Gute: Plitsch und Platsch waren zwei glückliche kleine Jungs, die ihr Leben noch nach einer simplen Routine verbrachten: Essen, schlafen, spielen (die Glücklichen!).

Doch Plitsch und Platsch waren nicht in einzigen, die meine ungeteilte Aufmerksamkeit wollten. Sherlock Holmes, 2,5 Jahre alt, italienisch-österreichischer Meisterdetektiv und Liebhaber von Lego und Büchern, wollte natürlich auch mit mir spielen. Wie das Synonym schon besagt, lernte ich ihn als anfangs zurückhaltenden aber extrem neugierigen kleinen Jungen kennen, der alles erforschte, was er in seiner Umgebung finden konnte. Und wie jeder Junge (ich sollte ja nicht aus der Übung kommen), baute er gerne Lego. Mit Sherlock zu reden war fantastisch, wenn es auch anfangs eine Herausforderung war – schließlich weigerte er sich die ersten zwei Tage mit mir auf Deutsch zu reden. Obwohl er alles verstand was ich ihm sagte und erzählte, konnte er es noch nicht so ganz verstehen, dass da nun zwei Personen im Haus waren, die Deutsch sprachen. So antwortete er mir anfangs ganz oft auf Italienisch. Noch viel überraschender war es für mich, dass ich die einzelnen Worte oder Phrasen die er häufig benutze selbst ganz schnell drauf hatte. Kommandos und Befehle scheinen in jedem Land mit demselben dazu passenden Kindergesichtsausdruck zu kommen. Und als Mr. Holmes dann merkte, dass es viel leichter war mit mir auf Deutsch zu reden, stellte er sogar Fragen zur Geschichte, wenn ich ihm Dr. Seuss‘ „Der Kater mit Hut“ vorlas – mit meiner sehr freien Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche. (“I know it is wet and the sun is not sunny, but we can have lots of good fun that is funny.” – ein tolles Kinderbuch!)

Wer hätte es gedacht, aber Italienisch war manchmal nicht die einzige Sprachbarriere. Sowieso schalteten wir recht viel um zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch, was manchmal zu lustigen Verwirrungen führte. Ein Deutsch-Deutsch Wörterbuch wäre zwar überflüssig gewesen, aber ich stand schon einen Moment verdutzt da und musste überlegen, als ich ein neues „Leibchen“ für Sherlock holen sollte. Was zum Teufel war ein Leibchen? So kam es öfter vor, dass wir uns über deutsche Vokabeln austauschen. An diesem Tag versuchte ich mir dann auch mein hessisches „net“ und „gelle“ abzugewöhnen – nur für den Fall der Fälle, dass ich nicht verstanden werde.

Ich verbrachte also 46 wunderbare Tage mit Plitsch, Platsch und Sherlock Holmes. Wir plitschten und platschen also über den Fußboden oder wir flogen aus auf der Suche nach Abenteuern. Nebenbei lernte ich viele tolle Dinge und trank eine Unmenge an Kaffee mit meinen Gasteltern. Und wir aßen viel Pasta… oh, ich glaube das nächste Mal lest ihr hier was über die italienische Küche.

Attraversiamo! (Teil 2)

Hinübergehen. Lass uns hinübergeben. Attraversiamo! (Und so schnell habe ich Elizabeth Gilbert’s italienisches Lieblingswort verraten). Diesmal war es gar nicht mal so schwierig „hinüberzugehen“ in dieses fremde Land. Es war nicht schwierig das Flugticket zu buchen und auch nicht schwierig ins Flugzeug zu steigen. Schließlich hatte ich das alles schon einmal hinter mir UND ich würde schließlich nur für 46 Tage dort bleiben. Trotzdem war ich nervöser als ich es bei meinem ersten Au Pair-Abenteuer in Irland war. Bis ich das allerdings selbst realisierte saß ich schon im Flugzeug nach Verona. Um mich herum fast ausschließlich deutsche Touristen. Pärchen, Rentner, Kleinfamilien, Großfamilien – die typische Mischung Freizeiturlauber eben. Ich war nervös aus vielen verschiedenen Gründen und betrachtete die Wolken, die unter dem Flugzeug auftauchten und wieder verschwanden. Zum einen wusste ich natürlich nicht was mich dort in Italien erwartete und wie mein Sommer letztendlich verlaufen würde. War die Gastfamilie nett? Würde ich mit den Kindern zurechtkommen? Würde ich Freunde finden? Und so weiter und so weiter. Die deutschen Urlauber schnatterten voller Vorfreude von ihren Urlaubsplänen, lachten, stritten und vertrugen sich wieder als geklärt war wie viel Zeit sie am Pool verbringen wollten, wie viel Zeit im Hotelzimmer und wie viel Zeit am Buffet. Wie kann man nur ernsthaft in Betracht ziehen, Zeit am Pool zu verbringen, wenn es nur ein Katzensprung bis zum Gardasee war?! Naja, egal. Neben mir schnarchte ein kleinerer, dickerer, älterer Mann und er war der Grund wieso meine Nervosität im Laufe des Fluges drastisch anstieg. Während ich ihn beobachte, dachte ich nur: Wow, typisch Italiener. Muss ich denn immer schon auf den Flügen in andere Länder klischeemäßig so bedient werden? Nachdem er aufwachte, versuchte er mit seinem Mitreisenden Kontakt aufzunehmen. Leider saß der fünf Reihen hinter ihm. Er fuchtelte und wedelte und kurze Zeit später hatte er dessen ungeteilte Aufmerksamkeit. Eine hitzige Diskussion durch das halbe Flugzeug entbrannte. Viele fühlten sich gestört doch das war gar nicht mein Problem. Ich wollte dass die Herren Italiener weiterdiskutierten – doch schön, dass ich einfach mal NICHTS verstand und in eine Art stillschweigende Panik verfiel. Wie sollte ich mich je richtig verständigen? 10 Minuten später drehte sich mein Sitznachbar um. Es schien als habe er sich vollständig mitgeteilt, doch irgendwie war er trotzdem nicht so ganz zufrieden. Gedankenversunken drehte er seinen Kopf zu mir und seufzte: Mamma Mia! Ich grinste ihn an mit einem Lächeln, das wohl an den Joker aus Batman erinnerte. Ganz recht: Mamma Mia! Er merkte, dass irgendwas nicht richtig war und entschuldigte sich – vermutlich für die Störung durch das laute Gespräch. Als er merkte, dass ich ihn nicht richtig verstand, sagte er sanft: „Exscusa me. Italia not speak good Inglese“. Ich winkte ab, lächelte (normal) und dachte: Verdammt, der zweiwöchige Italienisch-Intensivkurs war wohl nicht genug. Schließlich würde ich mich zwar mit meiner deutsch-italienisch-englisch-sprechenden Gastfamilie verständigen können, doch die wohnen ja nicht in einem Schutzbunker, abgeschottet vom Rest der italienischsprachigen Welt.

Meine Zweifel fanden jedoch ein schnelles Ende als ich bei meiner Gastfamilie einzog – dort am Rande von Desenzano del Garda, zwischen den Weinfeldern gelegen in einem Haus aus Stein. Noch bin ich unschlüssig welche heldenhaften Namen ich den kleinen Protagonisten meines nächsten Eintrages geben soll, doch bleiben sie für jetzt „Die drei Fragezeichen“. Die nächsten 46 Tage meines Abenteuers sollte ich nämlich mit drei wunderbaren, kleinen Jungs verbringen. 3 kleine Jungs unter 3 Jahren, zwei davon Zwillinge, ähm ein Paar Zwillinge ähm Zwillingsbrüder von 7 Monaten und ein 2,5-jähriger Junge … verheißen Erwähnungen von vieeeeeelen Legobauwerken und Um-die-Wette-krabbel-Wettbewerben.

Ganz sicher habe ich hier einmal die richtige „Straße“ überquert. Attraversiamo. Ein wunderschönes Wort. (Aber nicht mein Lieblingswort).

 

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Buongiorno, Gelatoland! (Teil 1)

Ja, hier bin ich wieder mit meinen Erzählungen aus der Ferne. Diesmal schreibe ich über 46 wunderbare und aufregende Tage im Heimatland der Gnocchi und Spaghetti und der Weinberge, des berühmtesten „politisch-aktiven“ Staubsaugervertreters der Welt und natürlich des Gelato (Eis Creme). Ein Land in dem der Andrea und der Gabriele männlich sind und man mit „Tschau“ (ok, eigentlich ciao) begrüßt wird, natürlich melodischer und schöner betont als im Deutschen. Das konnte ja nur fantastico werden.

Aber was macht sie in Italien fragt ihr euch? Und das auch noch 46 Tage lang? Vor Studienbeginn und nach meiner Rückkehr aus dem magischen Guinnessland lag noch soooo viel Zeit. Genug Zeit um noch einmal den Rucksack zu packen und aus Deutschland zu fliehen. Wieso Italien? Ein bisschen Schicksal und ein bisschen … mehr Schicksal. Auf einer Au Pair-Webseite registrierte ich mich für fünf verschiedene Länder doch aus Italien kam nun mal das schönste und netteste Angebot. Ein zweiter Grund könnte gewesen sein, dass eine meiner Lieblingsautorinnen namens Elizabeth Gilbert in ihrem wunderbaren Reisememoire Eat, Pray, Love über zwei Seiten mit Bravour die Beschaffenheit einer italienischen Pizza beschrieben hat UND dass sie dort eine Person getroffen hat, die Spaghetti mit Nachnamen heißt. Im Ernst, was wäre fantastischer als einen Menschen zu kennen, der Spaghetti mit Nachnamen heißt?

Wenn ihr über mein Leben als Au Pair mit einer italienisch-österreichischen Gastfamilie im wunderschönen Desenzano del Garda, Kulturunterschiede, italienisches Essen, Freunde finden, Jonglieren lernen, an Leuchttürmen spazieren gehen, Italienisch lernen, Deutsch lernen, Englisch lernen, Eis essen, campen, Berge besteigen, und vieles mehr lesen möchtet, bleibt einfach dran. Elizabeth Gilbert nahm am Ende viele Erinnerungen und ihr italienisches Lieblingswort mit nach Hause. Die wunderbaren Erinnerungen hab ich ganz sicher mitgenommen … aber ob ich auch solch ein italienisches Lieblingswort mitgebracht habe, erfahrt ihr bald!