Von Teepartys, schlafenden Fischen und verzauberten Kartoffeln

Die irische Küche – ein unzweifelhaftes Mysterium. Wie lange habe ich darauf gewartet mit dem Klischee aufzuräumen, Deutschland sei DAS Kartoffelland? Wie lange habe ich darauf gewartet, meinen ersten eigens gefangenen Fisch zu essen? Wie lange habe ich darauf gewartet eine Muschel zu „verschlingen“? Wie lange habe ich darauf gewartet ein 3-Gang-Menü zu essen? Wie lange habe ich darauf gewartet, dass „Fachfrau“ Mary Poppins mir erklärt, wie man akkurat den kleinen Finger beim Teetrinken abspreizt – nicht auf englische sondern auf „Prinzessinnenart“.

Ich habe viel gegessen in Irland. Das gebe ich zu. Aber im Endeffekt war das ja auch eine meiner Aufgaben. Ich habe gekocht und gebacken, gebraten und gebrutzelt, aufgetaut und tiefgefroren – mit Mühe und Liebe die tollsten Gerichte zubereitet und dann … ja, dann habe ich festgestellt, dass drei kleine Kinder wahnsinnig undankbar sein können. Meine Kartoffeln waren dann plötzlich verzaubert (ich habe sie gesalzen), mein Fisch schmeckte nicht wie Fisch (ich verwendete nur eine Knoblauchzehe anstatt der ganzen Knolle), meine Spaghetti waren nicht lang genug (ich brach sie durch, damit sie für die Kinder einfacher „aufzugabeln“ waren) und der Broccoli verwandelte sich in Unglück verheißende winzige Bäume, wenn ich ihn kochte – wie Albert Einstein vermutete, sowie nur „weiterentwickeltes Unkraut“.

Die Kritik traf mich anfangs sehr. Ich dachte eigentlich immer, dass meine Kochkünste gar nicht so schlecht seien. Nach etwa zwei Wochen gab ich meine brillanten Kochideen auf und richtete mich weitestgehend nach den Vorlieben der Kinder. Eine Erfahrung, die jede Familie (oder jedes Au Pair) früher oder später machen muss. Meine Gastmutter zeigte mir daraufhin ein paar irische Rezepte, wir aßen das berühmte „Irish Stew“ (Eintopfgericht mit Lammfleisch), Unmengen an Fisch und natürlich – um mit dem Klischee aufzuräumen – Kartoffeln ohne Ende. Hiermit küre ich also Irland als das neue „Kartoffelland“.

Natürlich gehörte es auch dazu, einmal einen Fisch selbst zu fangen – schließlich wohnte ich auf einer Insel. So fuhren wir eines Nachmittags mit einem Boot aufs Meer hinaus und versuchten unser Glück. Zuerst lernte ich, den Angelhaken so auszuwerfen, dass andere darunter keine ernsthaften Verletzungen erleiden mussten. Und tatsächlich war ich die erste die einen Fisch fing. Allerdings – in meiner Unwissenheit über den Fischfang – dachte ich, dass der Fisch am Angelhaken sofort tot sei. Es muss lustig ausgesehen haben, wie ich versucht habe den glitschigen Fisch wieder einzufangen, der sich wild auf dem Boden wälzte, als er mir aus der Hand sprang. Hierzu ein Ratschlag von Mary Poppins: Wenn man einen entkommenen Fisch einfangen will, sollte man fest drauftreten, weil er zugleich ganz plötzlich einschläft und man ihn dann sogar streicheln kann. Fische wären da nicht so sensibel. Na gut.

Prinzessinnenschule

Mary Poppins und ich führten eine neue Tradition im Hause ein: Teepartys mit anschließendem Gesellschaftstanz. Der kleine Prinz fungierte dabei immer als fleißiger „Kekskrümelaufsammler“ und Albert Einstein als spöttischer Beobachter. So saßen Mary Poppins und ich gerne zusammen, aßen die berühmten und sehr leckeren „Cupcakes“ und tranken Tee. Ich lernte nicht nur, dass es einfach eleganter aussah, den kleinen Finger beim Teetrinken abzuspreizen, sondern dass das unter Prinzessinnen einfach so üblich war. Selbstverständlich hatte Mrs. Poppins schon bei unserer ersten Teeparty festgestellt, dass ich keine Prinzessin war, sondern NUR ein gewöhnliches Mädchen. Auf meine Anmerkung, dass das Fingerspreizen im Königreich „Marburg“ nicht üblich sei, zuckte sie nur mit der Schulter. Wenigstens wollte sie mir helfen, einen Prinzen kennenzulernen, es war bei mir ja mittlerweile „höchste Zeit“.

Meine Fernsehabende, bestehend aus Sendungen von Barbie bis Mickey Mouse und drei Kinder auf dem Schoß, führten mich ein in die irische Welt der Snacks: Essigchips und gesalzenes Microwellen-Popcorn – sehr lecker, man muss manche Dinge einfach mehrfach probieren, bevor sie einem schmecken.

Alles in allem kann ich sagen, dass die Küche Irlands gewöhnungsbedürftig ist. Knoblauch, Zwiebeln, und Fisch, die berühmten „Fish & Chips“, die bunten „Cupcakes“ in allen Geschmacksrichtungen, Kekse mit Marshmallow-Geschmack und das wunderbare Schnellrestaurant „Eddie Rockets“. Allerdings gewöhnt man sich wahnsinnig schnell an diese ganz anderen Dinge – mittlerweile findet man mich sogar manchmal im Kino mit gesalzenem Popcorn und auch meine Gerichte schmecken ein wenig stärker nach Knoblauch.

Advertisements

In 80 Tagen um die Welt

Der Titel trifft nicht so ganz auf meine Reise zu, aber zumindest glaube ich zu wissen wie sich Phileas Fogg im Abenteuerroman „In 80 Tagen um die Welt“ gefühlt haben muss. Ich bin zwar nicht mit einem Dampfschiff durch den Suez-Kanal gefahren, doch war die Fahrt vom Osten zum Westen bis hin zum Norden Irlands in einem Kombi mit drei kleinen Kindern mindestens genauso spannend – auch wenn Phileas Fogg wohl durchaus die besseren Karten gezogen hatte, was die Wahrscheinlichkeit von Behinderungen des Verkehrsflusses durch Schafe und Kühe anging. Eine Woche vor meiner Ankunft in Irland teilte mir meine Gastmutter nämlich mit, dass wir in den ersten vier Wochen meines Abenteuers sehr viel reisen würden, da die Kinder Ferien hatten und dies die übliche Zeit war in den Urlaub zu fahren und die Großeltern zu besuchen. Deshalb möchte ich meinen heutigen Titel nun wie folgt abändern:

In 28 Tagen durch Irland

Wie aufregend. In meinen ersten Wochen durfte ich so viel von Irland sehen, wie man es sich nur wünschen konnte. Traumhaft schöne Küsten und Strände, wunderschöne Sonnenuntergänge, lange Spaziergänge durch die Natur und nur wenig Regen erwarteten mich in der Region „Kerry“ im Süden Irlands, wo wir die ersten 10 Tage unseres Langzeiturlaubs verbrachten. Die Familie hatte sich dort ein Ferienhaus gemietet, unweit vom Strand und von einem hübschen Dörfchen namens „Dingle“ entfernt. Die Tage im Süden verbinde ich heute am ehesten mit den typisch irischen Pubs und dem guten alten Guinness. Oh ja, es gibt kaum etwas, das mehr Spass macht, als ein Guinness, eine Gitarre, eine Flöte und ein kleiner bunter Raum, in dem sich die Gemeinschaft zusammenfindet und von ganzem Herzen feiert, lacht und singt. Gemeinschaft ist ein Wort, dass ich nach meinem Irland-Aufenthalt anders definiere: Freundlichkeit, Offenheit und Verständnis für JEDEN. Als ich nämlich zusammen mit meiner Gastmutter abends um die Häuser zog um das Nachtleben Irlands kennenzulernen, wurde ich herzlich begrüßt wie jeder andere und gehörte ganz automatisch mit dazu. Die Atmosphäre in einem Pub muss man selbst erleben, doch kann ich sagen, dass sich der „Irish Coffee“ (Irischer Kaffee mit Schuss) nicht mit diversen irischen Biersorten wie Guinness, Kilkenny oder Bulmers verträgt. Ja, ich habe ALL diese Getränke bei meinem ersten Pubbesuch ausprobiert und habe danach fröhlich Lieder mitgesungen, die ich eigentlich gar nicht kannte. Woher ich plötzlich die Texte konnte? Weiß ich nicht mehr.

Aber weiter geht die Reise in die wunderschöne Region „Donegal“: Berge, steile Klippen, feiner Sand und ein unglaublich kalter atlantischer Ozean erwarteten mich dort. Hier verbrachten wir die nächsten Wochen unseres Urlaubs bei der Großmutter der Kinder. In Donegal machte ich meine ersten Erfahrungen mit einem typisch irischen „Bed & Breakfast“, in dem ich aus Platzmangel im Haus der Großmutter in den nächsten Wochen wohnte. Altmodisch und knallbunt eingerichtet, Farben die ich nicht mal an Karneval kombinieren würde, wenn ich mich als Farbtopf verkleiden wollte – trotzdem auf eigenartige Weise aber gemütlich. In Donegal konnte ich nicht nur in die unterschiedlichsten dörflichen Akzente „reinhören“, sondern auch in die gälische Sprache, die dort oben noch gesprochen wird. Das winzige Dorf in dem wir wohnten bot nicht viele Attraktionen, es lag ziemlich abgeschieden vom Rest der Welt an einer Küste und Touristen fanden ihren Weg nur schwerlich bis dorthin. Es gab nur hin und wieder einen Höhepunkt. Einen Tag an dem die meisten Frauen aufgeregt durch das Dorf rannten und tuschelten und sich für den anstehenden „Abend der in die Geschichte eingehen würde“ aufbrezelten. Ja, ein Jungesellinnen-Abschied stand an. Ich hatte das „Glück“ an einem dieser besonderen Ereignisse anwesend zu sein. Das war der Tag auf den alle gewartet hatten, denn es gab nur eine Berühmtheit in diesem kleinen, scheinbar gar nicht unschuldigen Dörfchen: den Dorfstripper. Hätte er gut ausgesehen und nicht jedes einzelne Klischee erfüllt, wäre mir eine Nacht voller Alpträume über sich entkleidende Gartenzwerge in Nachbars Garten erspart geblieben. Aber man (frau) kann ja nicht alles haben.

An Tag 28 reisten wir zurück in die Region „Wicklow“, in der ich mich endlich richtig niederlassen, viele Freundschafen schließen konnte und all das Erlebte der letzten Wochen Revue passieren ließ. Gerade jetzt war ich im Grunde erst richtig angekommen in meinem neuen Zuhause in Greystones – nur eine dreiviertel Stunde von Irlands Hauptstadt entfernt – und hatte schon so viele Eindrücke gesammelt. Wicklow, dort wo Filme wie „Braveheart“ und „P.S. – Ich liebe dich“ gedreht wurden, spiegelte die wunderschöne Natur Irlands wieder und hier zu wohnen war für mich ein unglaubliches Erlebnis. Wer hat schon einen Strand vor der Haustür und eine Hauptstadt in unmittelbarer Entfernung? In Wicklow und Dublin lernte ich die meisten meiner Freunde kennen und für uns war es der Ausgangspunkt für alle weiteren Abenteuer.

Hätte ich – wie Phileas Fogg – eine Wette darauf abgeschlossen, dass ich von Irland so viel sehen würde wie er von der ganzen Welt, hätte ich also vermutlich gewonnen. Wo ist mein Geld?