Vom „Deutsch sein“ im Land der „Marshmallow-Reiskeks-Toffee-Schokoladen-Biscuits“

Ist das normal? Diese Frage stellte ich mir in den ersten Wochen meines Irland-Abenteuers nicht nur einmal. Ob es nun die Tatsache war, dass ich bei meinen ersten Expeditionen durch das hübsche Küstenstädtchen Greystones oder in anderen Orten in Irland öfter von Fremden angesprochen wurde, als in meinem ganzen bisherigen Leben in Deutschland?

Kurz einzuwerfen ist die Tatsache, dass ich in einem kleinen Dorf im Landkreis Marburg-Biedenkopf aufgewachsen bin, in dem es ungefähr folgendermaßen abläuft, wenn ich – als junge Frau – aus der Haustür trete: Menschen – vornehmlich ältere Herrschaften – drehen sich von allen Seiten um oder starren zielgerichtet aus dem Fenster, unterhalten sich aufgeregt und laut darüber, wer denn diese junge Frau sein könnte, die da gerade durch die Straßen schreitet. Ich komme näher und näher – ihre Köpfe fangen an zu qualmen, denn sie haben mich immer noch keiner Sippe zuordnen können. Es wird wild über „Dorfnamen“ spekuliert und diskutiert. Nur noch zwei Meter. Ich grüße freundlich (und nein – nicht weil ich auf den Zwanziger anstatt des Fünfers im Briefumschlag zu meiner Konfirmation hoffe – ich bin längst konfirmiert) und bekomme selbstverständlich auch ein nettes „Hallo“ zurück. Ich gehe weiter. Ich spüre, wie die Blicke mich immer noch von hinten durchlöchern. Und schlussendlich höre ich noch in der Ferne „Die von Schulze’s“. Abgesehen davon dass ich diese Tradition mit den Dorfnamen nie verstanden habe – wer hätte gedacht, dass ich auch einen richtigen Namen habe. (Wenn ihr mich das nächste Mal durch das schöne Halsdorf wandern seht, werdet ihr nicht mehr so lange überlegen müssen: Einen Lebenslauf mit Passfoto und meinem richtigen Namen, erhaltet ihr bei Blickkontakt der länger als eine Minute währt).

Diese kleine Geschichte ist natürlich respektvoll gemeint und soll nur den Unterschied zur irischen Version verdeutlichen – schließlich bin ich ja nur die deutsche Art gewöhnt, an anderen Menschen interessiert zu sein: nämlich stillschweigend und reserviert.

In Irland läuft das eher folgendermaßen ab: Eine junge Frau (ich) tritt aus der Haustür eines hübschen Hauses am Rande der Kleinstadt Greystones – auf dem Weg zur nächsten größeren Ortschaft Dun Laoghaire um sich dort auf einen Kaffee mit einer neuen Au-Pair-Freundin zu treffen. Ich lief also durch die Straßen, runter zur Hauptstraße und mein Interesse galt hauptsächlich dem Verkehr, der dort üblicherweise auf der „falschen“ Straßenseite unterwegs ist. Das erste Reifenquietschen vernahm ich nach dem fünften Haus, das ich passierte. Nachdem ich voller Erleichterung festgestellt hatte, dass ich noch lebte, sah ich, dass neben mir das Auto der Nachbarin zum Stehen gekommen war. Sie kurbelte die Scheibe herunter und fragte strahlend und voller Begeisterung wer ich denn sei, da sie mich nun schon zum zweiten Mal die Straße hinunterlaufen sah. Ich war völlig geschockt – wollte sie nicht erst einmal eine Weile über meine Identität spekulieren? Ich stellte mich freundlich vor und sie bot mir direkt einen lift (Mitfahrgelegenheit) zum Bahnhof an, den ich eigentlich auch zu Fuß erreichen könnte. Ich wollte ihr freundliches Angebot aber nicht ablehnen und nachdem wir den Bahnhof erreicht und wir uns noch ein wenig unterhalten hatten, lud sie mich auf eine Tasse Tee für das kommende Wochenende ein. Wow. Wie freundlich, oder? Eine Fremde hatte tatsächlich mit mir gesprochen.

„Mein rechter, rechter Platz ist frei“

Den nächsten Kontakt mit der typisch irischen Freundlichkeit machte ich im Zug. Die meisten Sitzplätze waren frei, sodass ich mir einfach den Platz neben dem Eingang aussuchte. Während der „richtige“ Sitzplatz in Deutschland derjenige zu sein scheint, der sich am weitesten von unseren Mitmenschen entfernt befindet (Menschen hetzen durch kilometerlange Züge um das letzte KOMPLETT freie Sitzabteil zu ergattern!), ist es in Irland eher so, dass man sich gerne zu anderen Menschen dazusetzt – schließlich hat man sonst gar niemanden zum Reden, wie mich der nette Herr ganz verwundert aufklärte, welcher sich sofort zu mir setzte. Eine weitere Dame gesellte sich zu uns und so gestaltete sich meine Zugfahrt nach Dun Laoghaire als sehr unterhaltsam und wirklich abwechslungsreich.

Endlich angekommen in einem kleinen Cafè direkt am Meer wusste ich gleich, dass meine neu gewonnene Au Pair-Freundin und ich auch kulinarisch noch einiges dazulernen würden: Wer hätte gedacht, dass ich auf einer Speisekarte jemals „Marshmallow-Reis-Toffee-Schokoladen-Biscuits“ finden würde?

Und ja – DAS ist völlig normal (aber zur Küche Irlands komme ich das nächste Mal).

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